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Sammelblog zur Spielkultur

 
"Es ist ein dummes Spiel", erklärte Simon. "Es ergibt keinen Sinn." Aditu hob eine Braue.
"Wirklich nicht", beharrte er. "Seht doch selbst. Ihr könntet gewinnen, wenn Ihr nur hierhin setztet", er deutete, "und hierhin", er deutete wieder. Als er aufsah, begegnete er Aditus goldenen Augen, in denen Lachen und Spott lagen. "Oder etwa nicht?" schloss er.
"Natürlich, Seoman." Sie schob die polierten Steine so, wie er es vorgeschlagen hatte, über das Spielbrett [...] "Aber dann ist das Spiel aus, und wir haben erst die seichtesten Gewässer erkundet."
Simon schüttelte den Kopf. Seit Tagen strengte er sich nun schon an, die verzwickten Regeln des Shent zu erlernen, nur um festzustellen, dass man ihn lediglich in die allerersten Anfangsgründe eingeweiht hatte. Wie konnte man ein Spiel lernen, bei dem es nicht ums Gewinnen ging? Aber Aditu versuchte auch nicht absichtlich zu verlieren, soweit Simon sagen konnte. Vielmehr schien es darauf anzukommen, den Reiz des Spiels durch zusätzliche Aufgaben und Rätsel zu erhöhen, von denen die meisten soweit außerhalb von Simons Begriffsvermögen lagen wie die Wirkungsweise des Regenbogens.
"Wenn es dich nicht kränkt", meinte Aditu lächelnd, "darf ich dir dann einen anderen Weg zeigen?" Sie setzte die Spielsteine wieder an die vorherige Stelle. "Wenn ich hier meine Lieder nehme, um dort eine Brücke zu bauen", ein paar geschwinde Bewegungen, "dann kannst du zu den Inseln der verbannten Wolke gelangen."
"Aber warum wollt Ihr mir helfen?" [...] "Wie kann man ein Spiel gewinnen, wenn man dem anderen ständig hilft?" [...]
"Menschenkind", sagte Aditu, "ich glaube, dass du es lernen kannst. Ich glaube sogar, dass du schon auf dem Weg dazu bist. Aber bedenke, dass wir Zida’ya dieses Spiel schon seit Urzeiten spielen." [...] "Man kann Shent auch nur zum Vergnügen spielen. Ich habe Partien gespielt, bei denen es nur um Unterhaltung und freundlichen Spott ging und die ganze Strategie darauf ausgerichtet war. Andere Spiele kann man nur gewinnen, wenn man sie beinahe verliert. Und ich habe auch Partien erlebt, bei denen beide Spieler sich ernstlich Mühe gaben zu verlieren - obwohl es Jahre dauerte, bis es einem von ihnen gelang. [...] Siehst du nicht, Schneelocke, dass Gewinnen und Verlieren nur die Wände sind, in denen das Spiel stattfindet? Im Haus des Shent ..." Sie hielt inne, und über ihr Quecksilbergesicht huschte ein Stirnrunzeln wie ein Schatten. "Es ist schwer, es in deiner Zunge auszudrücken." Das Stirnrunzeln verschwand. "Vielleicht kommt es dir deshalb so unverständlich vor. Nun ... das, worauf es im Haus des Shent ankommt, sind das Kommen und Gehen, die Besucher -, die Geburten und Todesfälle, alles, was geschieht." Sie deutete auf ihre Wohnung. [...] "Wie bei allen Wohnstätten", sagte Aditu, "ob sie Sterblichen oder Unsterblichen gehören, ist es das Leben in ihnen, das das Haus zu dem macht, was es ist - nicht die Türen und nicht die Wände."

Quelle: Tad Williams, Der Abschiedsstein, S. 738 ff., Fischer Taschenbuch Verlag
 
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